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13. September 2003. Analysen: Geschichte & Religion - Indien Das Reisfeld als "Schwiegereltern"?

Ernte und Heirat als assoziierte rituelle Prozesse der Gadaba in Orissa

Die Beziehung von Gesellschaft und Umwelt hat Menschen überall und zu allen Zeiten beschäftigt.

In einer Gesellschaft, die nicht Waren produziert, sondern Güter für den Gebrauch, ist die Natur nicht primär Gegenstand der technischen Verfügbarkeit, sondern wird nach Analogie persönlicher Beziehungen konzipiert. Die Beziehungen zur Natur sind nicht unabhängig von den Werten, die eine Gemeinschaft beherrschen, sondern von ihnen bestimmt. (Hans Kippenberg 1987, Seite 29)

Einleitung

In den Sozialwissenschaften und der Ethnologie untersucht man das Verhältnis von Kultur und Umwelt, fragt nach den Haltungen der Menschen gegenüber der Natur und nach den Vorstellungen, die mit dieser Beziehung verbunden sind. Der erste Punkt – die Beziehung von Kultur und Umwelt – wurde häufig in der einen oder anderen Form als Determinismus verstanden. Die Umwelt prägt die Kultur, heißt eine simplistische Formel und bereits Montesquieu hat in seiner sogenannten Klimatheorie eine Variante davon vorgelegt, lange bevor es das Fach der Ethnologie gab. Als sich das Fach dann etabliert hatte gab es anhaltende Debatten um die Frage der Haltungen der Menschen verschiedener Kulturen gegenüber der Umwelt. Eine Meinung lautete, die Maximierung des Profites sei grundsätzlich die Triebfeder im Umgang mit der Natur, während Gegner dieser Position argumentierten das Streben dieses sogenannten 'Homo Oeconomicus' sei den westlichen Industrienationen eigen, könne aber nicht als Motiv universell vorausgesetzt werden. Dass Umwelt und Gesellschaft sich wechselseitig beeinflussen ist dagegen unstrittig. Wildbeuter, die sich hauptsächlich vom Sammeln und Jagen ernähren, haben eine andere Perspektive auf ihre Umwelt als Stammesgesellschaften, die Tiere und Pflanzen domestiziert haben und bei Gesellschaften, die an den Hängen von Vulkanen leben oder in Polargebieten ist von einem spürbaren Einfluss dieser natürlichen Phänomene auch auf die Vorstellungen oder die Ideologie dieser Gesellschaften auszugehen. Die soziale Ordnung wird durch die natürlichen Gegebenheiten geprägt, umgekehrt wird die Umwelt durch Konzepte der sozialen Ordnung strukturiert.

Um die Konzeption von Natur nach dem Muster sozialer Beziehungen geht es in meinem Beitrag, der uns von den Aghria West-Orissas in den Süden zu den Gadaba führt. Wie bei meinem Vorredner geht es um das Verstehen indigener Kategorien und Klassifikationsweisen. Ganz grundsätzlich ist die Bereitschaft zur Relativierung der eigenen Weltsicht, aber auch liebgewonnener Konzepte der Disziplin, eine Bedingung der Ethnologie, wie wir sie verstehen. Was bedeutet es also, wenn Gadaba am Tag der Reisernte Hochzeitslieder singen und den göttlichen Eltern des Reises Brautgaben darbringen, weil sie deren 'Tochter' – den Reis - ins Dorf holen? Bevor ich zur Heirat und Ernte komme, soll der allgemeine Kontext kurz beschrieben werden. Wer sind also die Gadaba?

Die Gadaba

Die Gadaba - bei denen ich über 20 Monate gelebt habe - ist eine von vielen einheimischen Stammesgruppen im südlichen Hochland von Orissa, den sogenannten Eastern Ghats. Sie sind unmittelbare Nachbarn der Rona, über die meine Kollegin Tina Otten geforscht hat und die Dongria Kond, über die Roland Hardenberg später berichten wird, leben ca. 150 km entfernt. Etwa 15.000 Gadaba sprechen neben einer Verkehrssprache, die alle Stämme der Region teilen, eine austro-asiatische Sprache, die Gutob genannt wird und auch die Menschen, die Gutob Gadaba, bezeichnet.

Das Plateau des Hochlandes zeichnet sich durch mehr oder weniger steile Hügel und eine rote, laterithaltige Erde aus. Die Jahreszeiten werden durch den Wechsel von kalter und warmer Zeit, sowie Trockenzeit und Monsun bestimmt und die Gadaba unterscheiden drei Jahreszeiten: die "Kalte" und die "Heiße Zeit", die beide trockene Jahreszeiten sind, sowie die "Regen-Zeit". Die Dörfer der Gadaba sind relativ kompakt und die Lehmhäuser verschwinden von weitem unter dem dichten Blätterdach der Nutzbäume.

Die Berge sind dagegen nur spärlich mit Wald bedeckt, in dem sich dennoch einige Wildschweine, Bären und gelegentlich ein Leopard herumtreiben. Das Land wird in drei Kategorien unterteilt: Berg und Wald werden in einer Kategorie zusammengefasst. Ferner werden die Trockenfelder, auf denen hauptsächlich Reis und Hirse angebaut wird, von den bewässerten Feldern unterschieden, in denen die Gadaba ausschließlich Reis kultivieren. Dieser letzten Kategorie gilt heute meine besondere Aufmerksamkeit. Diese Felder sind direkt in die Flussläufe eingelassen, so dass die einzelnen Parzellen flussabwärts stufenweise leicht abfallen und die Felder nach Belieben be- oder entwässert werden können. Durch die Erosion hat sich das Flussbett immer tiefer in die Erde gegraben, so dass man zu diesen Feldern hinuntersteigen muss.

Das ewig fließende Wasser ist das besondere dieser Felder und die Fluss- bzw. Wassergötter - die Kamni genannt werden - sind die Herren mit denen sich die Menschen arrangieren müssen, wenn sie Ackerbau betreiben wollen. Unabhängig ob Wald, Trockenfeld oder Fluss, die Umwelt wird nicht als anonyme Ressource konzipiert, sondern die Menschen befinden sich in einem reziproken und verantwortlichen Verhältnis zu jenen Mächten, die über den jeweiligen Bereich wachen. Ohne Opferungen kann kein Wild gejagt werden und keine Ernte erfolgreich sein.

Inmitten von Wald, Feld und Fluss liegt das Dorf, das eine bedeutende soziale und rituelle Einheit darstellt. Die Bedeutung des Dorfes und seine Beziehungen zur Umwelt zeigen sich besonders im Rahmen der drei wichtigsten Feste, die in die drei verschiedenen Jahreszeiten fallen. Das Dorf präsentiert sich dann als Einheit gegenüber der Umwelt und die Beziehungen zu den Mächten, die über Erde, Wald, Feld und Fluss wachen werden erneuert. Die Bewohner opfern auch für die Götter des Dorfes und teilen die Opferspeise an den verschiedenen Schreinen. Alle Männer eines Dorfes sind idealerweise "Brüder", d.h. sie gehören der gleichen totemischen Kategorie an, von denen die Gadaba vier unterscheiden: Kobra, Tiger, Sonne und Affe.

Heirat

Mit der Einführung dieser Kategorien sind wird bereits beim Komplex der Heirat, denn die Regel lautet: bist Du eine Kobra, darf Dein Ehepartner nicht auch Kobra sein. Das heißt die totemischen Kategorien sind 'exogam', nur 'Außenheiraten' sind erlaubt und da alle Mitglieder eines Dorfes zur selben Gruppe zählen, ist auch das Dorf exogam: d.h. die Schwestern heiraten in andere Dörfer und die Schwiegertöchter kommen aus diesen Dörfern.

Hier werden wesentliche Unterschiede zu unserem Verständnis von 'Verwandtschaft' deutlich. Die Klassifikation der totemischen Kategorien ist 'global' und basiert nicht auf Abstammung und der Vorstellung von 'Blutsverwandtschaft'. 'Global' bedeutet, dass das gesamte soziale Universum in eine begrenzte Anzahl von Kategorien eingeteilt ist und daher alle Individuen 'verwandt' sind. Den Status eines Kobra oder einer Sonne übernimmt ein Individuum mit der Geburt vom Vater, aber Abstammungslinien sind nicht von Bedeutung, sondern der Gegensatz der totemischen Kategorien. Zwei beliebige und einander wildfremde Gadaba, die sich z.B. auf dem Wochenmarkt treffen, können aufgrund ihres Status als Kobra, Tiger, Sonne oder Affe sagen, ob zwischen ihren Dörfern Heiraten <u>möglich</u> wären. Die zentrale konzeptionelle Opposition ist die zwischen bai und bondu. Bai heißt wörtlich "Bruder" und bezeichnet alle mit der gleichen totemischen Kategorie, also die Eigenen oder Konsanguinen in der Fachsprache der Ethnologie. Bondu benennt die Personen und Gruppen mit unterschiedlicher Kategorie, also die potentiellen Heiratspartner oder Affinen.

Mögen sich die beiden genannten Individuen auch nicht persönlich kennen, ihre Dörfer sind bekannt und es ist auch bekannt, ob zwischen diesen Dörfern Heiratsbeziehungen bestehen, d.h. im lokalen Idiom, ob sie "Milch" tauschen oder nicht. Denn ein weiteres Merkmal der Heirat besteht in der damit hergestellten dauerhaften Verbindung von Kollektiven. Dörfer und ihre Segmente tauschen über Generationen "Töchter und Schwestern" aus. Auch wenn durch die Heirat Kollektive verbunden werden, sind die betroffenen Individuen – die Braut und der Bräutigam – dennoch am Entscheidungsprozess beteiligt. Denn aufgelöste Beziehungen können teuer werden. In dieser Hinsicht ist das System der Gadaba unserem näher als dem ihrer Hindu-Nachbarn in der Ebene.

Die Heirats-Modelle der Gadaba und der Hindus haben jedoch unter anderem eine Gemeinsamkeit, die sie von unserem System unterscheidet: Heirat ist ein langwieriger sozialer Prozess, kein 'Ereignis', das man in einer halben Stunde auf dem Standesamt regeln könnte. Will eine Gruppe der Gadaba ein Mädchen aus einem Nachbardorf für einen ihrer jungen Männer gewinnen, sind viele Besuche im Dorf der Braut dafür notwendig. Akzeptiert die Gruppe der Braut bei dem ersten Besuch das ihnen angebotene Bier, signalisiert sie damit prinzipielle Bereitschaft und Einwilligung die Tochter abzugeben. Bis es jedoch tatsächlich dazu kommt, können möglicherweise noch Jahre vergehen und viele weitere Besuche werden in dieser Zeit abgestattet. Immer wieder vertröstet der Brautvater die Bewerber auf später. Eventuell werden die Brüder des zukünftigen Bräutigams ungeduldig und ein Raub der Braut wird vorbereitet. Aber auch wenn dieser erfolgreich sein sollte, setzt dies dem Prozess des Verhandelns noch kein Ende. Schließlich wird die Höhe der Brautgabe ausgehandelt und eines Tages beginnen die offiziellen Rituale der Heirat, die ihrerseits in vielen Stufen ablaufen. Heirat erscheint aus unserer Sicht zunächst als Teil des individuellen Lebenszyklus, die Heiratsrituale der Gadaba werden aber häufig kollektiv veranstaltet und zwar an einem festen Zeitpunkt des Jahreszyklus, der angemessene Monat dafür ist der Februar (mag). Was hat das alles nun mit dem Nassreis zu tun?

Anbau und Ernte des Nassreis

Zunächst ist anzumerken, dass auch der Reisanbau ein langwieriger Prozess ist, der räumliche und rituelle Transformationen beinhaltet und ebenfalls nach Geschlechterrollen aufgeteilt ist.

Nach der Ernte im November werden die Felder im Flussbett trockengelegt und das Wasser rinnt nun in schmalen Kanälen an den Seiten entlang. Im Februar werden die Begrenzungen zwischen den einzelnen Parzellen ausgebessert, die auch als Wege über den Fluss dienen, und von diesem Moment an beginnt der neue Reiszyklus, zunächst mit dem Pflügen der Felder durch die Männer. Das Dorffest im Monat April – in der Heißen Zeit - beginnt mit der rituellen Aussaat der Reissamen. Die Saat wird von den Männern zunächst in kleine, vorübergehende Felder ausgesät, die durch Zäune geschützt werden. Obwohl diese Felder bereits in den Flussläufen liegen, werden sie als "Gärten" bezeichnet, was anzeigt, dass sie konzeptionell zum Dorf gehören, auch wenn sie faktisch außerhalb der Dorfgrenzen liegen. In den vier Wochen des April-Festes wachsen die Keimlinge zu kleinen Reispflanzen heran und das Fest endet mit dem Umsetzten der ersten Setzlinge in die permanenten Reisfelder. Das bedeutet, der Reis ist im Laufe der Wochen nicht nur gewachsen, er hat auch eine räumliche Veränderung erfahren, vom Dorf zum Fluss, in dessen Obhut er von nun an ist. Abgesehen von den kollektiven Ritualen, die diese Prozesse initiieren und grundsätzlich von männlichen Spezialisten durchgeführt werden ist das Ziehen und Neueinpflanzen der Setzling die Aufgabe der Frauen. Als Wesen, die zwischen Dörfern oszillieren, müssen sie für diese Arbeit der Umsetzung besonders geeignet erscheinen.

In den Monsunmonaten finden die Nassreisfelder zugunsten der Trockenfelder relativ wenig Beachtung. Erst mit Anbruch der Kalten Zeit im Oktober/November beginnt die Phase der Nassreis-Ernte, wenn in den Feldern die Rispen schwer an den Stilen der Pflanzen hängen. Der Reis ist gewissermaßen geschlechtsreif geworden und es ist Zeit die ‚Braut’ ins Dorf zu holen. Wie bei der menschlichen Heirat, so ist die Situation der Ernte aber voller Unwägbarkeiten und rituelle Vorkehrungen sollen den erfolgreichen Transfer gewährleisten. Die Vorbedingung dafür ist die kollektive Opferung für die Erdgöttin im Dorfzentrum ohne deren Zustimmung keine Ernte erfolgen kann. Die Rituale der Ernte muss jeder Haushalt danach für die eigenen Felder durchführen.

Der erste Teil des Ernte-Prozesses besteht im rituellen Schneiden der ersten Rispe. Am Rand des Reisfeldes wird eine Plattform aus Lehm angefertigt und zwei Figuren aus Erde werden vom Haus- und Opferherren geformt. Sie repräsentieren die Flussgötter - Kamni – die wahren Besitzer des Feldes und die Eltern des Reises, denn sie haben die Frucht hervorgebracht. Zunächst wird ein Hahn für sie geopfert. Danach schneidet der Hausherr die ersten Rispen ab und nimmt sie mit zum Dreschplatz, wo die Opferspeise zubereitet und von der ganzen Familie verzehrt wird. Nur einige Körner der ersten Rispen werden hier zusammen mit gewöhnlichem Reis gekocht, die Halme werden nach dem Essen ins Haus gebracht und dort an den zentralen Pfosten gebunden, der den männlichen Hausgott symbolisiert.

Einige Tage später beginnt die eigentliche Ernte. Eine Pflugspitze wird im Feld vergraben, das Eisen soll das Herunterfallen der Reiskörner beim Transport zum Dreschplatz verhindern. Ferner werden in der Mitte des Dreschplatzes Medizinen vergraben, um mögliche Hexereiangriffe abzuwehren, denn Neider könnten die Erträge auf diese Weise zu mindern versuchen. Sobald die gesamte Ernte auf dem Dreschplatz aufgetürmt ist, gelten verschiedene Verbote: Frauen dürfen ihn nicht betreten, es darf keine Hirse verzehrt werden und die auf dem Dreschplatz Arbeitenden dürfen nicht in ihren Häusern essen oder mit Leuten außerhalb des Dreschplatzes sprechen. Diese Regeln gelten bis die 'Braut', d.h. der erste Korb Reis, den Dreschplatz Richtung Haus verlassen hat.

Zuvor muss die Ernte aber mit Büffeln oder Rindern gedroschen und der Reis mit der Hand geworfelt werden. Hierbei ist der Wind die kritische Komponente. Flauten sind ebenso schädlich, wie Wirbelwinde, eine Form, die bestimmte Dämonen anzunehmen belieben. Es ist meist schon Abend, wenn der ganze Reis geworfelt ist und er wird dann in zwei oder drei Haufen aufgeschichtet und mit Asche werden Kreise um die Ernte gezogen. Diese sollen ebenfalls das Eindringen unliebsamer Mächte verhindern.

Dazu zählen auch die Flussgötter, die es sich im letzten Moment anders überlegt haben könnten und ihre Tochter zurückholen. Die göttlichen Brautgeber sind also ebenso unberechenbar wie die menschlichen. Am Abend richten sich die Männer am Rande des Dreschplatzes ein, um die Ernte über Nacht zu bewachen. Das beim Dreschen angefallene Heu ist jetzt sehr nützlich, denn es bietet Wärme gegen die kalten Novembernächte, in denen die Temperaturen schon mal auf 5 Grad sinken können.

Am nächsten Morgen beginnen die Vorbereitungen für die Opferungen. Zuerst empfangen wiederum die Flussgötter ein Opfer, das die Brautgabe darstellt. Darauf folgen Opferungen vor dem aufgetürmten Reis und der Hausherr füllt den ersten Korb mit dem Reis der neuen Ernte. Die Köpfe der Opfertiere und das Messer der Opferung werden auf den Korb gelegt, der dann außerhalb des Dreschplatzes abgesetzt wird. Erst danach kommen die Frauen des Hauses zum Dreschplatz, Opferspeise wird gekocht und vor Ort verzehrt.

Im Anschluss an die gemeinsame Mahlzeit wird der Korb als 'Braut' vom Dreschplatz fortgeschickt und von jungen Mädchen zum Haus gebracht, wo die Frau des Hauses die neue 'Schwiegertochter' rituell empfängt und den Korb vor der Hausgottheit absetzt. Damit ist der rituelle Teil der Ernte beendet und die Männer tragen nun u.U. über Kilometer die Ernte in großen Körben zum Haus. Der Reis des ersten Korbes wird erst im Rahmen des Aprilfestes geschält – also fünf Monate später - und dann als Opferspeise im Haus gekocht, zu der Zeit also wenn der neue Zyklus der Brautwerbung beginnt.

Fazit

Abschließend möchte ich auf den Titel meines Artikels eingehen und an ihm das grundsätzliche Problem der Übersetzung kultureller Kategorien verdeutlichen. Der Titel, "Das Reisfeld als 'Schwiegereltern'?" stellt eine Beziehung zwischen Ernte und Heirat her, zwischen den Prozessen also, die im Vordergrund meiner Ausführungen standen und erfüllt insofern seinen Zweck. Der Begriff 'Schwiegereltern' trägt jedoch Konnotationen, die den Zugang zur indigenen Sichtweise nicht unbedingt fördern, weil er auf unserem Verständnis von Verwandtschaft gründet. Eine bestimmte Person mag in unserer Gesellschaft heutzutage mit Schwiegereltern eine mehr oder weniger erfreuliche Beziehung verbinden, in den meisten Fällen ist sie relativ bedeutungslos und in jedem Fall der rechtlich geschützten einzelnen Heiratsverbindung zwischen Ehemann und Ehefrau untergeordnet. Die beiden Gruppen der Eheleute verbindet nichts auf Dauer. Bei den Gadaba ist das Gegenteil der Fall. Einzelne eheliche Verbindungen sind den dauerhaften Beziehungen der Dörfer untergeordnet, ebenso wie eine einzelne Ernte der prinzipiellen Relation zwischen Dorf und Fluss – d.h. Menschen und Flussgöttern - untergeordnet ist. In beiden Prozessen wird 'Ernährendes' – Reis und Milch – von außen und von 'Anderen' ins Dorf geholt, um die soziale Reproduktion der "Brüder" zu gewährleisten. Frauen gebären die Kinder des Dorfes und die Töchter werden als "Milch" zurück gegeben, um in anderen Dörfern Kinder zu gebären. Die Söhne des Dorfes bleiben und Teilen als "Brüder" die Opferspeise, d.h. Reis und Blut, mit den Dorfgöttern. Diese rituelle Kommensalität ist ebenfalls konstitutiv für das brüderliche Verwandtschaftsverhältnis und der benötigte Reis wird als 'Braut' ins Dorf geholt.

In der sozialen Ordnung der Gadaba umfasst 'Heirat' also unter anderem einen Bereich – den der Ernte -, den wir der Rubrik der 'Ökonomie' zuordnen würden. In der den Gadaba eigenen Sprache existiert kein Begriff für 'Heirat' und diese Nicht-Benennung deutet darauf hin, dass Gadaba 'Heirat' nicht als ein isoliertes Phänomen betrachten, sondern als einen Typus des Tausches, der Teil eines umfassenderen Gefüges ist. Und dieser Relations-Typus, der das Eigene mit dem Anderen durch Tauschbeziehungen dauerhaft verbindet, kann in verschiedenen Kontexten auftreten, die wir in keiner Weise mit 'Heirat' assoziieren würden.

Quellen

  • Kippenberg, H.G. (1987): "Einleitung: Zur Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens." In: Kippenberg, H.G. und B. Luchesi (Hg.): Magie. Die sozialwissenschaftliche Kontroverse über das Verstehen fremden Denkens. Frankfurt/M. Suhrkamp.

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